Aquitanien

Sommer, Sonne, Silberküste

Am Strand von L'Herbe. Fotos: Otmar Steinbicker

Nach Aquitanien fährt man nicht nur der Strände wegen, sondern auch um guten Wein zu genießen. Weingüter muss in einem weiten Kreis rund um Bordeaux niemand lange suchen. Wer die Hauptstraße verläßt und ein wenig durch die kleinen Dörfer zuckelt, findet schon bald einen Hinweis an der Straße und freundliche Winzer, die gern zu einer Weinprobe einladen. Reisemobilisten finden hier und entlang der Küste eine Vielzahl guter Campingplätze sowie mehr als 20 spezielle Stellplätze, die teils kostenlos, teils gegen eine geringe Gebühr Gelegenheit zur Übernachtung sowie meist auch zur Ver- und Entsorgung bieten.

Das Schild "Château bel Air La Royère" führt in dem Dörfchen Cars in der Umgebung von Blaye zu Corinne und Xavier Loriaud, die ihre guten weißen und roten Tropfen kredenzen und ihren Gästen nicht nur die edlere und teuere Flaschenabfüllung anbieten, sondern auch den preiswerten und handlichen 3- oder 5-Liter Kanister zum Nachfüllen.

Festung Blaye

Mit etwas Vorrat eingedeckt, erreichen die Reisenden schließlich bei Blaye die Gironde. Das wuchtige, von dem berühmten Festungsbaumeister Vauban vollendete Bollwerk spielte einst eine wichtige Rolle bei der militärische Sicherung von Bordeaux. Von ihren Anlagen bietet sich einguter Ausblick auf den bis zu drei Kilometer breiten Fluß mit seinen zahlreichen schmalen Inseln. Nach ausgiebigen Regenfällen strömen die schmutzigbraunen Wassernassen der Dordogne und der Garonne in in einer breiten Trichtermündung zum Atlantik.

Die Autofähre kämpft sich durch die starke Strömung zum gegenüberliegenden Dorf Lamarque. Richtung Norden erstreckt sich das Haut Médoc, eines der berühmtesten Weinanbaugebiete Frankreichs. In einsam gelegenen Weingütern reifen große Rotweine, wie Château Lafite, Château Margaux, Château Latour oder Château Mouton oftmals mehr als zehn Jahre, bis sie ihre außerordentlichen Eigenschaften entwickelt haben.

Ihre herausragende Qualität liegt von allem am idealen Klima Aquitaniens. Das Frühjahr beginnt vorzeitig, der Sommer ist sonnenreich und warm und der gemäßigte Herbst dauert lange an. Darüber hinaus speichert der von der Gironde angeschwemmte Kies die Wärme des Tages, um sie im Laufe der Nacht wieder abzugeben, so daß es im Frühling nur selten zu Bodenfrost kommt.

Weingut im Haut Médoc

Besonders gute Informationen über den Weinanbau und die Weine des Médoc bietet das "maison du vin" in Pauillac, das zugleich als Tourismus-Büro dient. Die weitere Fahrt nach Norden führt durch die Weinfelder und vorbei an berühmten Weingütern, deren Besitzer sich prunkvolle Schlösser errichtet haben. Einige, wie das Château Mouton-Rothschild, ermöglichen die Besichtigung der großartigen Empfangsräume und der prallgefüllten Weinkeller.

Die Landschaft ändert allmählich ihr Gesicht und bei Le-Verdon-sur-mer wird die Gironde-Mündung erreicht. Um einen besonders weiten und eindrucksvollen Rundblick zu genießen, klettern die Reisenden auf die große Düne auf der Pointe de Grave, der Nordspitze Aquitaniens. Von hier oben lassen sich im Osten die große Containerschiffe und Öltanker im Industriehafen von Le-Verdon erkennen. Dann schweift der Blick nach Norden über die Gironde und die Bucht von Royan, und weiter nach Westen über die Badestrände und das Meer bis hin zum neun Kilometer entfernten Leuchtturm von Cordouan.

Als "Côte d‘Argent" (Silberküste) bezeichnen die Aquitanier den Teil der Atlantikküste zwischen der Girondemündung und dem Baskenland mit langen, weißen Sandstränden, die von Dünen begrenzt werden, hinter denen sich ein weiter, duftender Pinienwald mit schattigen Radwegen erstreckt. Nur wenig weiter landeinwärts liegen wunderschöne Binnenseen und Teiche.

Bis in das vergangene Jahrhundert hinein wurde der vom Meer angeschwemmte Sand vom Westwind zu riesigen Wanderdünen aufgeweht, die sich immer weiter ins Landesinnere ausdehnten. Mittlerweile wurden diese ausgedehntesten und höchsten Dünen Europas mit Bäumen bepflanzt und zum Stillstand gebracht. Die Flüsse und Bäche, die die Dünenkette nicht durchbrechen konnten, bildeten im Landesinneren eine langgezogene Seenkette.

Obwohl die Badeorte entlang der Küste viele Gemeinsamkeiten haben, hat doch jeder Ort seine Spezialität und die Feriengäste können ganz nach ihren Bedürfnissen den idealen Aufenthaltsort wählen. So hat sich der Küstenort Montalivet seit den fünfziger Jahren mit seinem FKK-Dorf Centre Héliomarin auf die Bedürfnisse der Naturisten eingestellt.

Am Strand von Hourtin

Hourtin gilt als kinderfreundlichster Ort der Côte d‘Argent. Nur wenige Kilometer von den hohen Wellen des Atlantik entfernt, liegt es am größten Binnensee Frankreichs mit feinen Sandstränden und flachen Ufern. Für die lieben Kleinen wurde sogar eine eigene Kinderinsel mit einer Kletterburg gebaut und der ganze Ortskern ist eine reine Fußgängerzone. Autos müssen außerhalb auf einem großen Parkplatz abgestellt werden. Maubuisson dagegen profiliert sich mit seinem 200 Hektar großen, in einem Kiefernwald gelegenen Freizeitzentrum mit diversen Sportanlagen und gepflegten Campingeinrichtungen als ideales Ziel für den Aktivurlauber.

Bei Deutschen bekannt und beliebt ist das Seebad Lacanau-Océan. Hier brandet der Atlantik mit besonders hohen Wellen gegen den Strand und bietet damit ideale Bedingungen für ambitionierte Surfer. Kein Wunder, daß hier Jahr für Jahr die Weltmeisterschaften im Wellenreiten ausgetragen werden. Wem der Küstenort zu turbulent ist, findet landeinwärts am acht Kilometer langen Lac de Lacanau Ruhe und ebenfalls gute Wassersportmöglichkeiten im Süßwasser.

Stadtstrand in Arcachon

Aus dem Rahmen dieser Badeort fällt die Bucht von Arcachon. Schon früh haben Reisende die landschaftliche Schönheit und den klimatischen Reiz entdeckt. Mitten in der Stadt und zugleich von Waldstücken umgeben, liegt der "Camping Club d‘Arcachon", ein idealer Ausgangspunkt, um die Stadt und ihre Umgebung zu entdecken. Gleich nach dem Frühstück geht es auf Tour. Erstes Ziel ist die "Winterstadt" mit ihren Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende und ihren gepflegten Parks und Gärten. Nachdem 1866 eine Bahnlinie von Bordeaux ans Meer gebaut wurde, entwickelte sich die beliebte Sommerfrische zu einem Winterferienort des Adels und der Reichen jener Zeit.

Danach ist Geduld nötig, denn acht Monate dauert es, bis die anfangs mit dem bloßen Auge nicht zu erkennenden Austern eine Größe von drei bis vier Zentimeter erreicht haben. Dann werden sie von ihrer Unterlage gelöst und in spezielle Mastparks umgesetzt, in denen sie vor Krebsen geschützt, weiter wachsen, bis sie im 18. Monat erneut umgesetzt werden. Nahe an kräftigen Prielströmen wachsen sie auf dem Meeresboden und werden von Zeit zu Zeit immer wieder umgedreht, um ihnen eine tiefe und regelmäßige Form zu verleihen. Erst nach weiteren drei Jahren sind sie konsumreif und müssen vorsichtig auf den Versand vorbereitet werden.

Austernzüchterdorf L'Herbe

Eines der urtümlichsten Dörfer der Austernzüchter ist l‘Herbe mit seinen kleinen, bunten Holzhütten, die eng aneinander gebaut, in der Sommerhitze etwas Schatten spenden. Hier lassen sich die Austernzüchter bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und bieten natürlich auch ihre Kostbarkeiten zum Kauf an, so günstig und frisch wie kaum irgendwo sonst.

Zur Mittagspause ist schließlich die Bucht umrundet und in Cap Ferret locken zahlreiche Restaurants mit frischen Austern und Fischspezialitäten und einem wunderschönen Ausblick auf die Bucht von Arcachon und die gigantische Düne von Pyla. 114 Meter hoch türmen sich die Sandmassen dieser höchsten Düne Europas, deren gleißendes Gelb mit dem satten Blau des Sommerhimmels kontrastiert.

Düne in Pyla

Gemütlich zuckeln die Reisenden anschließend zurück, genießen unterwegs hin und wieder einen interessanten Blick auf die reizvolle Landschaft und steuern am Nachmittag in Arcachon die "Sommerstadt" an, mit ihrer lebhaften, mit schattenspendenden Tamarisken bepflanzten Strandpromenade. In unmittelbarer Nähe der Geschäfte und Cafés verläuft der langgezogene Sandstrand, der unwiderstehlich zu einem Bad in den ruhigen Fluten des Meeresbeckens lockt.

Nachdem die Hitze des Nachmittages einem etwas kühleren Luftzug gewichen ist, bietet sich ein Aufstieg auf die Düne von Pyla an. Eine Treppe mit 154 Stufen gilt es zu erklimmen, bevor sich im warmen Abendlicht ein traumhafter Panoramablick über die Sandmassen, das Meer und die weiten Pinienwälder eröffnet.

Südlich von Arcachon setzt sich die Kette der Badeorte weiter fort. Biscarrosse und Mimizan locken mit weiten Sandstränden am wellenreichen Atlantik und lebhaftem Badebetrieb, während im Landesinneren Sanguinet und Parentis-en-Born Ruhe, Wälder und Seen bieten.

Der Küstenabschnitt zwischen Mimizan und Hossegor ist weniger bekannt und bei Naturliebhabern als "côte sauvage" ("wilde Küste) beliebt, die gute Bade- und Wassersportmöglichkeiten bietet, ohne überlaufen zu sein. Weiter nach Süden ändert sich die Landschaft dramatisch. Felsen, kleine Buchten und Häfen geben dem baskischen Abschnitt der aquitanischen Küste einen völlig anderen Charakter.

Strand am Cap Ferret

Biarritz ist geprägt vom Glanz vergangener Grandezza, herrschaftlichen Villen und üppigen Gärten und natürlich vom Meer, das gegen die steil abfallenden Klippen brandet oder sich auf sanften Sandstränden verläuft. Schon 1784 bat der Schiffszimmermann Moussempés vergeblich um Erlaubnis, am alten Hafen Badekabinen aufstellen zu dürfen.

Seine Glanzzeit erlebte das frühere Walfischer-Dorf im vergangenen Jahrhundert, als Kaiser Napoleon III. und seine Gemahlin Eugénie hier die Sommermonate verbrachten. Ihr Urlaubsdomizil, die Villa Eugénie, dient heute als "Hôtel du Palais" dem luxusverwöhnten Badegast. Auch Bismarck, der spätere Kriegsgegner, erholte sich mehrfach in Biarritz.

Heute zieht es vor allem Surfer an die baskische Küste, deren tosende Brandung und hohe Wellen ideale Bedingungen für ambitionierte Anhänger dieser Sportart bieten. Surfbesessene lassen sich hier selbst in den Wintermonaten nicht von den kühlen Wassertemperaturen schrecken.

Das Baskenland ist zweisprachig. Schon auf den Ortschildern finden sich auch die Bezeichnungen in der so fremdartig klingenden Sprache Euskara, die allenfalls eine entfernte Verwandtschaft zum Kaukasischen aufweist. Architektonisch setzt diese Region eigene Akzente mit charakteristischen, weiß verputzten Fachwerkhäusern mit grünen Fensterläden und roten Balkonen. Auch in den kleinsten Dörfern findet man den "fronton", eine freistehende Mauer, gegen die die Spieler des baskischen Nationalsports "Pelota" einen kleinen, harten Lederball schlagen.

Saint-Jean-de-Luz

Fast schon an der Grenze zu Spanien liegt St-Jean-de-Luz, die baskischste Stadt Frankreichs. Hier heiratete 1660 der Sonnenkönig Ludwig XIV.aus Gründen der Staatsräson und gemäß den Festlegungen des Pyrenäenfriedens seine spanische Cousine Maria Theresia. Das Haus, in dem der König damals wohnte, ist noch immer im Besitz der gleichen Reederfamilie Lohobiague. Die kostbar ausgestatteten Räume und die beeindruckend große Küche stehen heute als Museum zur Besichtigung offen.

An der halbkreisförmigen Bucht, die wie ein antikes Theater wirkt, zieht sich ein breiter Badestrand entlang, hinter dem sich Fachwerkhäuser und Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende erheben. Farbenprächtige Boote beleben den Fischerhafen in der Nivelle-Mündung. Eine Szene, die der Komponist des berühmten Bolèro, Maurice Ravel, seit seinen Kindertagen vor Augen hatte. Sein Geburtshaus steht direkt am gegenüberliegenden Ufer der Nivelle im Nachbarort Ciboure.

Otmar Steinbicker

Camping

Entlang der Atlantikküste gibt es ein großes Angebot an gutausgestatteten Campingplätzen - vom in der Regel preiswerten "camping municipal" bis zur Komfortanlage, die kaum noch Wünsche offen lässt.

Sehenswert

Empfehlenswerte Abstecher in die klassischen Weinanbaugebiete rund um Bordeaux. Hier werden Weinproben angeboten und die guten Tropfen auch direkt verkauft. Auch einige Traditionshäuser von Nobelmarken stehen zur Besichtigung offen.

Die Altstadt von Bordeaux mit ihren eleganten Bürgerhäusern und den Palästen am Place de la Bourse.

Die alte Festungsstadt Blaye mit seiner Zitadelle und dem großartigen Blick auf die Gironde.

Arcachon mit seiner eleganten „Winterstadt“ und den langen Strandboulevards. In der Nähe erhebt sich in Pyla die größte Düne Europas. Rund um das Becken von Arcachon liegen die malerischen Dörfer der Austernzüchter.

Das Seebad Biarritz mit seinem eleganten Flair aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Die Baskenstädte Saint-Jean-de-Luz und Bayonne.

Essen und Trinken

"Fines des claires", die algenbewachsenen Austern aus dem Becken von Arcachon, sind weit über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt.

Fischspezialitäten, wie gebackener Aal à la bordelaise, oder Foie gras des Landes (Gänseleber mit Gelee) zählen ebenfalls zu den kulinarischen Genüssen der Region.

Über die Weine, ließen sich ganze Bücher schreiben. Als König der Rotweine gilt der Cabernet Sauvignon; unter den Weißweinen der Region ist der Sauternes der bekannteste. Vor allem im Médoc sind die Schlösser der großen Weingutbesitzer, wie Château Margaux oder Lafite zu finden.

Aktivitäten

Gute Wassersportbedingungen, vor allem für Surfer, bieten die Badeorte an der Atlantikküste mit ihren hohen Wellen. Problemlose Badefreuden für Familien ermöglichen die wenige Kilometer landeinwärts gelegenen Binnenseen. Ein gut ausgebautes Radwegenetz führt durch die kilometerlangen, schattigen Pinienwälder.