Schottland

Nebel, Möwen und alte Steine

Sonnenuntergang bei Nairn. Fotos: Otmar Steinbicker

Schottlands Süden, bietet in den Regionen Borders, Dumfries und Galloway eine zauberhafte Landschaft und eine wahre Vielfalt historischer Zeugnisse. Otmar Steinbicker hat sich vor Ort umgesehen.

An der englisch-schottischen Grenze

Auf der Fahrt vom englischen Newcastle nach Norden in Richtung schottische Grenze zieht Nebel auf. Eine Stimmung wie im Novembers herrscht mitten im Juli, während daheim die Temperaturen mal wieder die 30-Grad-Marke überschreiten. Die junge Frau in wasserdichtem Ölzeug, die uns an der Tankstelle in strömendem Regen Diesel nachfüllt, klagt über schon seit Wochen anhaltendes schlechtes Wetter. "I hope, You will find some sunshine" - Ihre guten Wünsche klingen resigniert.

Schottland und das Wetter - ein schier unerschöpfliches Thema: Regen und Sonne wechseln schneller als Prognosen gestellt werden können. In Jedburgh jedenfalls, der ersten Stadt hinter dem wuchtigen schottischen Grenzstein, lacht uns schon die Sonne. Die liebliche Landschaft der Borders liegt in dem schönen, klaren Licht, das es so nur unmittelbar nach dem Übergang vom Tief zum Hoch gibt.

Schafe weiden auf dem üppigen, noch feuchten Gras, das die welligen Hügel überdeckt und der Regen vom Vortag plätschert als kristallklarer Bach neben der Straße. Wir genießen die Aussicht von Scotts View, ein Landschaftspanorama so schön, das es der Phantasie eines Malers entsprungen zu sein scheint, zuckeln gemütlich über die kaum befahrenen Nebenstraßen und finden schön gelegene einsame Plätze für Picknick und Übernachtung.

Spuren blutiger Grenzkriege

Den Kontrast zu dieser Landschaftsidylle markieren die eindrucksvollen Ruinen der ehemals monumentalen Abteien Jedburgh, Dryburgh und Melrose. Heinrich der Achte ließ sie nach vergeblichem Werben um Mary Stuart schleifen.

Traquair House

Wir wundern uns nicht, dass in dieser Region jahrhundertealter schottisch-englischer Grenzkriege noch immer alte antienglische Traditionen gepflegt werden, wie im Traquair House, dem Sitz einer Nebenlinie der Stuarts, der ehemaligen schottischen Königsfamilie. "Kick out Hannover" ist auf einem kostbaren alten Trinkglas eingraviert, zu deutsch: Schmeißt das Königshaus der hannoverschen Linie raus. Und entsprechende Hoffnungen sind noch nicht begraben. Das seit zweieinhalb Jahrhunderten, seit dem letzten Aufstand gegen das englische Königshaus im Jahre 1745, geschlossene Haupttor soll erst dann wieder geöffnet werden, wenn erneut ein Stuart den Thron betritt.

Edinburgh, Schottlands Hauptstadt überrascht uns: Statt stressigem Metropolenflair und hektischer Rushhour strahlt die Stadt eine eher museale Ruhe aus. Das Leben scheint eher in rauchigen Pubs zu pulsieren. Nur im ehrwürdigen Castle drängen sich die Touristen und lauschen dem Führer, der die Augen und das "R" rollt, als wolle er auf offener Bühne Shakespeares "Macbeth" deklamieren, jenes berühmte Stück über die blutigen Machtkämpfe schottischer Clanführer.

Nur wenige Häuser unterhalb der Burg hat Joe Hagan seine Werkstatt, einer der letzten Bagpipemaker. Seit 30 Jahren fertigt er aus edlen afrikanischen Hölzern Dudelsackpfeifen. Etwa 200 Dudelsäcke gehen bei ihm jährlich zu Preisen von umgerechnet zwischen 1.000 und 1.200 Mark über den Ladentisch. Doch auf den guten Ton, den Hagan dem Holz entlocken hilft, kommt es vielen Käufern heute nicht mehr an. Nur wenige von ihnen sind schottische Musikanten, mehr und mehr sind es Touristen, die die hochwertige Präzisionsarbeit als skurriles Souvenir in die gute Stube hängen.

Eine malerische Route führt von Braemar aus entlang des sich sanft windenden River Dee in Richtung Aberdeen. Balmoral Castle, der Feriensitz des britischen Königshauses liegt nur wenige Kilometer von Braemar entfernt und die Souvenirshops halten neben den üblichen Ansichtskartenlandschaften auch Postkarten mit den Porträts der Royal Family bereit. Schließlich könnte man der Queen oder Prinz Charles und seinen Söhnen ja auf einem der zahlreichen Wanderwege durch das liebliche Tal oder über die aussichtsreichen Höhenzüge begegnen.

Hinter Aboyne verlassen wir die Flusslandschaft und biegen nach Norden ab zu Schottlands schönstem Märchenschloss: Craigievar Castle. Das schlanke, turmartige Gebäude mit den hübschen Erkern könnte geradezu als Kulisse für eine Verfilmung des Märchen von Rapunzel dienen, die ihr Haar herunterlässt. Fast mehr noch als das eigenartige Äußere beeindruckt die erstaunlich gut erhaltene Inneneinrichtung mit kostbarem Mobiliar aus dem 17. Jahrhundert. Das Schloss ist übrigens eines der wenigen in Großbritannien, die nicht von Adligen erbaut wurden. Craigievar Castle diente dem reichen Kaufmann Willie Forbes als Wohnsitz, der wegen seines erfolgreichen Ostseehandels den Spitznamen "Danzig-Willie" bekam.

Loch Ness: Höhenblicke statt Monster-Show

Um Loch Ness, die Touristenattraktion Nummer Eins und das mit Abstand bekannteste, größte und tiefste schottische Gewässer machen wir einen Bogen. Landschaftlich schöner als die stark befahrene Nordseite entlang des Sees ist die weniger gut ausgebaute Strecke auf der Südseite, die nur an wenigen Stellen den Blick auf das Gewässer freigibt.

Loch Ness

Wir wollen mehr sehen und steigen auf einen der Hügel, einige hundert Meter von der Straße entfernt. Der Wind pfeift uns ins Gesicht. Oben angelangt, eröffnet sich uns eine grüne, nasse Wüste: Heidekraut, nichts als Heidekraut, durchzogen von Rinnsalen brackigen Wassers. Wir müssen aufpassen, wohin wir unsere Schritte setzen und beginnen zu begreifen, was Hochmoor bedeutet. Zugleich bieten sich uns herrliche Höhenblicke auf Loch Ness und die umliegende Landschaft.

Unten am See halten derweil Touristen vergeblich Ausschau nach "Nessie" und besuchen schließlich verzweifelt im überlaufenen Örtchen Dumnadrochit eine der pseudowissenschaftlichen Monster-Shows, die gegen hohes Eintrittsgeld die mögliche Existenz von Seeungeheuern nachzuweisen suchen. Entsprechende Legenden gibt es zwar am Loch Ness schon seit den Zeiten des heiligen Columban im 6. Jahrhundert, doch so richtig populär wurden sie erst in nachrichtenarmen Sommern der sechziger Jahre. Unter der Hand geben Tourismusmanager heute zu, dass die Nessie-Story hätte erfunden werden müssen, wenn es sie nicht schon gegeben hätte.

Wir wollen uns nicht der Armada italienischer und französischer Wohnmobile anschließen, die von Loch Ness aus in die Highlands aufbricht. Einwohner überfüllter Städte wie Paris, Lyon, Mailand, Rom und Florenz suchen die Einsamkeit und werden sich auf den wenigen ausgefahrenen single-track-roads doch immer wieder begegnen. Wir beschließen, auf Highland-Romantik zu verzichten und wenden uns schnurstracks nach Süden in den noch am wenigsten entdeckten Teil Schottlands: Galloway im tiefen Südwesten, gespannt auf eine Landschaft, die mancher Schottland-Reiseführer gar nicht erst erwähnt.

Fangfrischer Lachs in der Bordküche

An der Solvay-Küste liegen idyllische kleine Hafenorte. In Isle of Withorn dirigiert Hafenmeister John Mc William die am späten Abend einlaufenden Fischerboote an die Kais. Riesige Säcke voller Jakobsmuscheln werden aus dem Bauch der Schiffe eilig auf bereitstehende Lastwagen verladen, um noch in der gleichen Nacht an der Ostküste nach Frankreich verschifft zu werden, wo sie als Delikatessen auf dem Großmarkt von Paris landen.

Am nächsten Morgen treffen wir den Hafenmeister wieder. Schon früh um halb acht, nach dem Zeitungsaustragen hat er sein Geschäft, das einzige im Dorf, geöffnet. In seiner völlig windschiefen und mehrfach mit Teerpappe geflickten Holzbude hält er alles bereit, was seine Kunden benötigen: Zeitungen und Lebensmittel, Schiffszubehör, aber auch kitschige Porzellantassen mit Goldrand für den Sonntag und schlichte Plastikbecher für den Alltag. Auf einem Schild nennt er seine Konditionen: "Kredit zweimal im Monat (Mitte und Ende) zahlbar". Während er im Geschäft die Kunden bedient, zapft seine Frau draußen an der Tankstelle Diesel für die Fischerboote ab.

Dem wortkargen Mann ein paar Silben zu entlocken, erweist sich als schwierig. Auf die Frage, warum vom Fang der letzten Nacht nichts in seinem Laden zu finden ist, meint er, das seien ja nur Muscheln gewesen. Den Einwand, die Jakobsmuscheln wüsste man woanders durchaus als Delikatesse zu schätzen, schüttelt sich der Mann heftig. "Buuuh", sagt er schließlich mit einem Ausdruck schieren Entsetzens, "da kann man ja besser rostige Nägel fressen!"

Mull of Galloway

Unsere Augen erfreuen sich am satten Grün der Wiesen, das in der Sonne mit dem Rot der Felsen des Mull of Galloway und dem Blau des Meeres kontrastiert. In der Bordküche sorgt fangfrischer Lachs aus einer Salmräucherei für kulinarische Genüsse, die selbst Gourmets in französischen Spitzenrestaurants selten vergönnt sind. Und Stellplätze finden sich an der touristisch nicht frequentierten Küste problemlos.

Die seltsamen Rinder von Galloway

Was wir vermissen, sind die unendlich vielen Schafe, die alle anderen Regionen Schottlands bevölkern. Hier machen Rinder den Reichtum der Region aus. Die Rasse der "Galloways" hat jedoch nur wenig mit der deutschen Milchkuh gemeinsam: Mit dichtem, wuscheligen Fell und zotteligen Ohren, aber ohne Hörner erinnert sie eher an Bisons aus dem legendären Wilden Westen. Schon die Römer, die bis hierhin vordrangen, sollen das zarte, feinfaserige Fleisch dieser Rinder gepriesen haben. Die Schotten wiederum schätzen die Tiere noch mehr wegen ihrer Widerstandsfähigkeit, mit der sie sich mühelos den schwierigen Lebensbedingungen in Moor- und Heidelandschaften angepasst haben. Dass sie keine Milch geben, macht sie heute geradezu EG-geeignet und auch früher störte man sie nicht daran, dienten sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts doch eher dazu, die von den Schafen verschmähten Disteln und Kräuter zu fressen und so den Graswuchs zu verbessern.

Auf der Suche nach den Anfängen

In der von Schottland-Reisenden so wenig beachteten Landschaft zeugen 5000 Jahre alte Megalithgräber, Spuren der römischen Besatzer und frühchristliche Stelen aus dem 5. Jahrhundert von reicher Kultur. In Withorn versucht ein Team junger Archäologen Sommer für Sommer, der Geschichte ein wenig mehr auf den Grund zu kommen. "Wir wissen nicht, wie lange es Withorn schon gibt", sagt Dave Pollock, der Ausgrabungsleiter, "aber wir finden es im Boden heraus." Zumindest seit 500 n.Chr. belegen bisher Funde die Geschichte des Ortes. In Gräbern dieser Zeit entdeckte man Glas und Töpferwaren aus den Weinländern des Mittelmeeres und Nordafrikas. Jetzt hoffen die Archäologen weiter vorzustoßen, um vielleicht Reste prähistorischer Rundgebäude zu finden. Ob das in diesem Sommer noch gelingt? Vielleicht auch erst im nächsten oder übernächsten. Dave Pollock und seine freiwilligen Helfer sind geduldig, aber zäh. Dem örtlichen Museum haben sie mit Hacke und Pinsel schon so manches außergewöhnliche Ausstellungsstück beschert.

Spuren frühen Christentums

Die frühe christliche Geschichte Schottlands ist übrigens nirgends besser belegt als in den südwestlichen Regionen Dumfries und Galloway. Während im Norden oft behauptet wird, die Christianisierung Schottlands begänne mit dem irischen Mönch St. Columban im 6. Jahrhundert, weist man im Süden schon christliche Gräber aus dem frühen 5. Jahrhundert vor. Und die Ruinen der Zisterzienserabteien Dundrennan Abbey, Glenluce Abbey und Sweetheart Abbey halten jeden Vergleich mit ihren bekannteren Schwestern in den Borders aus.

Otmar Steinbicker

Museum der kleinen Karos

An Skurrilität kaum zu überbieten ist das Tartan-Museum in Comrie, zugleich Sitz der ehrwürdigen schottischen Tartan-Gesellschaft.

Der Kurator, David J. Herschell, trägt selbstverständlich den Kilt, den Schottenrock, und ist stolz darauf, den Besuchern sämtliche unterschiedlichen Karomuster (Tartans) der schottischen Familien präsentieren zu können.

Für kontinentale Gemüter ist soviel Kleinkariertheit allerdings nur schwer nachzuvollziehen. Da interessiert uns eher die umfangreich dokumentierte und wechselvolle Geschichte des Schottenrocks.

In einer Vitrine wird auch die Frage beantwortet, was Schotten unter dem Rock tragen: wollene Unterhosen mit Beinchen im passenden Karomuster. Jedenfalls war das der Stand im 17. Jahrhundert.

Ökofreaks können sich übrigens im Kräutergarten hinter dem Haus informieren, wie sie künftig die Farben für ihre Karos aus Naturprodukten gewinnen können.